Kommunikation

Über Sex sprechen kann einschüchternd sein. Es bedeutet vielleicht, dass du einer Person gestehen wirst, dass du sie magst (uff..), sagen, was du gerne magst (puh..) oder beschreiben, wie genau du es magst (oh je..).

Ein Grund, warum es für so viele Menschen schwierig ist, über Sex zu sprechen ist, dass uns die Vorbilder dafür fehlen. Die wenigsten Leute lernen durch Anweisungen, wie etwas geht (also so wie wir zum Beispiel lernen, wie Algebra funktioniert), sondern sie lernen implizit, das heißt durch Beobachtung. Wir haben zum Beispiel (hilfreiche oder schädliche) Vorstellungen davon, wie man mit Konflikten umgeht, dadurch erhalten, von klein auf die Beziehungen um uns herum zu beobachten.

Für gewöhnlich beobachten wir aber keine anderen Menschen beim Sex und wir leben in einer Kultur, in der auch Gespräche über Sex selten sind. Also bleibt uns nur, auf Filme und Pornographie zurückzugreifen, um eine Idee davon zu bekommen, wie es laufen könnte oder wir reimen uns einfach etwas zusammen.

Das Wichtigste bei der Kommunikation über Sex ist Konsens: Konsens heißt, sicherzustellen, dass alle Beteiligten aktiv wollen, dass passiert, was gerade passiert. Konsens ist so wichtig, dass wir dafür eine eigene Info-Seite erstellt haben! Die findest du hier. Weitere, allgemeine Tipps für Gespräche über Sex, haben wir im Folgenden für dich.

Sag es laut und ohne Scham!

Stelle dir vor, Du machst einer anderen Person ein Geschenk, wenn du ihr von deinen Vorlieben erzählst, oder betrachte es als eine Art Bonus: “Schau, es gibt noch diese extra Sache, die du mit mir tun könntest!”  Wir finden, es ist ein total heißes Geschenk, etwas so Perönliches zu teilen. Sexuelle Gebrauchsanweisungen für Personen gibt es eben nicht und jedes Detail – deine erogenen Zonen, was du nicht magst, deine wildesten Fantasien, Ticks, Vorlieben -, das du über dich verraten kannst ist wertvoll und hilfreich für die Personen, mit denen du Sex hast. Du hast natürlich für dich selbst auch keine Gebrauchsanweisung und vielleicht weißt du gar nicht so recht, was du eigentlich magst – aber sogar das ist eine Information, die die andere Person noch nicht hat! Wenn du deine Unsicherheiten teilst und deine Sexpartner_innen wissen lässt, was du gerne erforschen und ausprobieren möchtest, seid ihr auf dem gleichen Stand.

Viele Menschen finden es am einfachsten und am angenehmsten - und heiß - während des Sex über Sex zu sprechen. Dirty Talk muss dabei nicht bedeuten, eine Rolle zu spielen (das kann es aber, wenn du darauf stehst). Du kannst deine eigene Variante von Dirty Talk kreieren, mit der du dich wohl – und sexy – fühlst.

Kannst du mir mal das Salz geben und mich heute abend lecken?

In einer nicht-sexuellen Situation über Sex zu sprechen hat auch seine Vorteile. Manche Dinge müssen sofort kommuniziert werden (z.B. Konsens), aber andere haben Zeit. Sex hat einen sehr realen Effekt auf deinen Körper und deine Psyche. Wenn wir erregt sind fließt das Blut in die Genitalien, das heißt, überall sonst im Körper haben wir weniger davon, auch im Gehirn. Die Hormone, die bei einem Orgasmus freigesetzt werden, haben direkte emotionale Auswirkungen – zum Beispiel sorgt Oxytocin dafür, dass wir uns der Person, mit der wir uns gerade vergnügt haben näher fühlen, als sonst. Und natürlich können wir uns in so einem intimen Moment und ohne Kleidung auch verwundbarer und angreifbarer fühlen, als am nächsten Morgen beim Frühstück.
Wenn du gerne einen neuen Vorschlag machen möchtest, oder eine Bitte hast, und dein Anliegen in einer Situation vorbringst, die nichts mit Sex zu tun hat, gibst du der anderen Person die Möglichkeit, in Ruhe darüber nachzudenken und ihr eigenes Begehren, ihre Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen. Damit verringert sich das Risiko, sie zu etwas zu überreden oder unter Druck zu setzen.

Egal, ob ihr im Bett redet oder am Küchentisch, oder bei einem Spaziergang im Park: Ehrlichkeit, Humor und keine Angst vor Peinlichkeit - damit geht es so viel einfacher! Denk dran: an Peinlichkeit ist noch keine_r gestorben!


Zeige und erkläre

Wir wissen alle, dass Kommunikation sowohl verbal als auch non-verbal funktioniert: im Alltag nehmen wir pausenlos Körpersprache, Mimik und Gestik wahr. Das spielt genauso eine Rolle, wie die Worte, die wir hören. Körpersprache spielt eine große Rolle bei der sexuellen Kommunikation – das ist keine Überraschung, schließlich haben wir hauptsächlich mit unseren Körpern Sex. Einer anderen Person zu zeigen, wo und wie sie dich anfassen soll – oder sie zu bitten, dir zu zeigen, was sie mag – kann äußerst effektiv sein!

Dennoch verlassen wir uns im Bett häufig etwas zu sehr auf Körpersprache, vermutlich weil Kommunikation beim Sex in den Medien so selten dargestellt wird. Non-verbale Kommunikation ist von Person zu Person unterschiedlich, viel mehr als verbale Kommunikation (es gibt kein allgemeingültiges Wörterbuch der Körpersprache), dadurch können Botschaften recht leicht verloren gehen oder falsch verstanden werden.
Den Oberkörper einer Person sanft zurückzuschieben kann zum Beispiel “Stop!” bedeuten, aber auch “Ich will dich ansehen, während wir das tun” oder etwas ganz anderes. Es ist daher ein Risiko, sich nur auf die Körpersignale zu verlassen. Und natürlich ist Schweigen nicht gleichbedeutend mit Konsens!

Menschen nach ihrer Körpersprache zu fragen kann helfen, Unklarheiten zu beseitigen. Wenn du erst einmal die Signale deines_r Sexpartner_in entschlüsselt hast, weißt du beim nächsten Mal, was sie bedeuten. Je besser wir uns kennen, desto mehr verwenden wir dann vielleicht wieder non-verbale Kommunikation. Aber auch in Langzeitbeziehungen ist es eine gute Idee, Neues, Veränderungen oder Gefühle zu besprechen.


Lass uns über Sex sprechen – aber nicht streiten

Hast du etwas auf dem Herzen? Die Mainstream-Medien schaffen eine Menge Druck “gut im Bett zu sein” (was auch immer das heißen soll) und die meisten Menschen wollen ihre Sexualpartner_innen wirklich befriedigen und ihnen Vergnügen bereiten. In Kombination mit dem allgemeinen Schweigen, das Sexualität umgibt, kann dieser Druck und der Wunsch, zu befriedigen, dazu führen, dass sich jede Kommunikation wie Kritik anfühlt. Deshalb haben wir hier ein paar Tipps für konstruktive Gespräche über Sex zusammengestellt, damit der Versuch nicht im Streit endet.

  • Bevor du das eigentliche Thema ansprichst, finde heraus, ob gerade ein guter Zeitpunkt ist, um über Sex zu sprechen, anstatt die andere(n) Person(en) mit etwas zu überfallen, wofür sie gerade vielelicht nicht den Kopf haben. Findet zusammen einen passenden Zeitpunkt.

  • Fragen sind besser als Unterstellungen (zum Beispiel “haben die Pornos, die du guckst, einen Einfluss darauf, wie du über den Sex denkst, den du hast?” anstelle von “Ich weiß, dass du mich mit den Stars in deinen Pornos vergleichst!”)

  • Sprich über deine eigenen Erfahrungen und sei konkret, anstatt die andere Person oder ihr Verhalten in eine Schublade zu stecken (z.B. “Ich fühle mich vernachlässigt und einsam, wenn du gleich einschläfst, nachdem du gekommen bist” anstatt “du bist egoistisch” oder “du vernachlässigst mich”).

  • Vermeide “immer” und “nie” - diese Wörtchen lösen sehr leicht eine Verteidigungshaltung bei deinem Gegenüber aus!

  • Wenn es irgendwie möglich ist ohne zu schwindeln, betone Positives und bringe dein Anliegen von diesem Standpunkt aus vor (z.B. “Ich fand es wirlich großartig, als du mich damals auf meinem Weg zur Arbeit überrascht hast – das war so heiß. Können wir so etwas öfter machen?” funktioniert viel besser als “du bist gar nicht mehr spontan!”)

  • Leichter Körperkontakt, so wie Händchenhalten, und Blickkontakt kann dabei helfen, ein Gefühl der Verbundenheit bei schwierigen Gesprächen zu erhalten...

  • … ebenso kann Bewegung helfen, Emotionen zu verarbeiten. Einen Spaziergang zu machen schafft buchstäblich Raum um das Thema, das ihr besprecht und es nimmt den Druck weg, sich in die Augen sehen zu müssen. Ständiger Blickkontakt kann auch zu intensiv sein.

  • Vergiss nicht, dass Kommunikation zu 50% aus Zuhören besteht. Achte darauf, was dein Gegenüber tatsächlich sagt und frage nach, wenn irgendetwas nicht klar ist, wiederhole gegebenenfalls das, was du verstanden hast noch einmal mit eigenen Worten.


Wer ist dein Gegenüber?

Kommunikation ist eine Sache zwischen mehreren Personen, und besteht aus Sprechen, Fragen und Zuhören. Die Verantwortung dafür, dass die Kommunikation gelingt liegt bei allen Beteiligten. Aspekte unserer Identität, unserer persönlichen Geschichte und der jeweiligen Position, die wir in ungleichen Machtverhältnissen inne haben, beeinflussen höchstwahrscheinlich die Kommunikation, und ob und wie sicher wir uns fühlen, unsere Bedürfnisse und Begehren und Grenzen auszudrücken, wie gut wir dazu in der Lage sind, unsere Emotionen wahrzunehmen und zu benennen und ob wir uns darauf verlassen, respektiert und gehört zu werden. Sich dieser Einflüsse bewusst zu sein, kann die Kommunikation einfacher und besser machen und gegenseitige Empathie fördern.